• Pferde und Cowboys – Reiten auf Cape Tribulation

    “Alles ist sicher, hier” sagte Steve und fuhr mit seiner Hand einmal im Halbkreis herum, schloss mit der Geste die 10 umstehenden Besucher, die 3 Stallmädchen, den kleinen Jungen mit Cowboyhut, ein Duzend Pferde und seine 20 Hektar große Ranch mit saftigen Wiesen, kleinen Wasserlöchern und schattenspendenden Baumgruppen ein, die kurz vor Cape Tribulation zwischen Pazifikstrand und Regenwald am Hang lag.

    Er stand hinter einem Tisch, der grob aus einem Baustamm gefertigt war, hatte ein Bein angewinkelt und stand mit dem rechten Cowboystiefel auf einer Bank. Seine Arme waren vor dem Körper verschränkt, aus dem karierten Flanellhemd, dem die Ärmel abgeschnitten waren, ragten an den Seiten tätowierte (Adler links, Tiger rechts) und wettergegerbte Oberarme, aus der Hemdtasche lugte ein Päckchen Drehtabak.

    Nach einem Blick in die Runde fixierte er Kerstin wieder unter der Krempe seines Hutes hervor. “Kannst Deinen Rucksack ruhig hier liegen lassen. Man muss hier nur mal mit der Schrotflinte rumschießen, schon wird nicht mehr geklaut.”

    Bob lachte laut. Er trug auch Cowboystiefel, einen Cowboyhut und ein kariertes Hemd. Im Gegensatz zu Steve hatte er allerdings einen Schnurrbart, eine Bierwampe, 2 Kinns (und das dritte in Arbeit) und er war zahlender Gast. Er sah zwar aus wie ein Bilderbuchtexaner, aber wir sollten recht bald sehen, dass er wohl noch nie oder zumindest sehr selten auf einem Pferd gesessen hatte.

    Er hieß übrigens nicht Bob, ich nenne ihn nur so, weil ich nicht weiß, wie er heißt. Er war Australier, wahrscheinlich heißt er Bruce. Alle Australier heißen Bruce. Aber dieser Bruce hatte zu viele Wildwestfilme gesehen und sah aus wie ein Wrangler-Plakat für Übergrößen.
    Deshalb nenne ich ihn Bob.

    Steve (der wirklich Steve hieß) striff Bob mit einem Blick und schaute dann durch die Gruppe der Reiter hindurch in die grobe Richtung, in der wir das nächste Haus vermuteten. “Die Leute hier in Cape Tribulation denken, dass ich halb verrückt bin.”sagte er, etwas verträumt.
    Im Bruchteil einer Sekunde fokussierten seine Augen wieder und er lächelte die Gruppe mit einem schweifenden Blick an. “Find ich ganz gut so. Dann hab ich meine Ruhe.”

    Wir setzten uns Helme auf und unterschrieben, dass wir älter als 16 und leichter als 102 Kilo waren. Bob musste hier wohl auch nicht lügen, denn er war nicht größer als 1.75.

    Vielleicht war ich sogar schwerer als er, denn ich bekam zuerst ein Pferd zugeteilt. In meiner Erfahrung werden Dicke zuerst zugeteilt, da sie ja auch größere und stärkere Pferde brauchten.

    “Holg … Holtsch … Hole … A fuck. I’ll call you Äitsch. Äitsch, you’re getting on Big Chief, ok?” fragte er mich, als ob ich in der Pferdeauswahl was zu melden hätte. Ich salutierte und er wandte sich Kerstin zu.

    “Du bist die erfahrene Reiterin?”
    – “Ja”.
    – “Mehr als 100 Ritte?”
    – “Ja”.
    – “OK, Du kriegst ein Pferd namens ‘Nut'”.

    Nut. Englisch für “der Durchgeknallte”.

    Lasst mich an dieser Stelle kurz innehalten und erklären, wie das läuft wenn wir auf Reisen reiten.
    Das machen wir nämlich öfter. Nicht so oft, wie wir gerne würden, aus Budgetgründen. Aber immerhin – in den USA sind wir geritten, in Belize und nun auf Cape Tribulation, Australien.

    Kerstin ist eine sehr erfahrene Reiterin. Ich habe ca. ein Duzend mal in meinem Leben auf einem Pferd gesessen, kann in allen Gängen fahren, bin noch nicht runtergefallen und hatte erst zweimal ernsthafte testikulare Nachwirkungen, die allerdings in beiden Fällen keine professionelle Aufmerksamkeit benötigten und nach wenigen Tagen schmerztechnisch tolerierbar wurden.

    Kurz gesagt sind unsere relevantesten Eigenschaften, dass Kerstin reiten kann und ich fast 100 Kilo wiege. Was dazu führt, dass ich mit meiner Höhenangst meist das größte Pferd im Stall kriege und Kerstin irgendwelche wahnsinnigen Gäule, die erst noch eingeritten werden müssen, und auf die man einen unerfahrenen Touristen nicht setzen kann, abkriegt.

    Wenn es in irgendeinem Stall Dick und Doof in Pferdeform gibt, wir kriegen sie ab.

    Nachdem ich mit 5 Metern Anlauf (und leider ohne diese Absprungbretter aus dem Sportunterricht) auf den gefühlte 4 Meter hohen Big Chief geklettert war und Kerstin behände wie immer den Durchgeknallten bestiegen hatte, ging die Einweisung durch Steve weiter.

    “Eure Pferde sind sehr nett. Da jetzt nachmittag sind, sind sie eher sowas wie faule Esel. Sie würden lieber irgendwo in der Gegen rumstehen oder -liegen und Mittagschlaf machen. Aber sie sind Profis. Gebt ihnen gut die Hacken und dann bewegen sie sich auch.”

    Dann kamen noch einige Sicherheitseinweisungen, unter anderem der Hinweis, dass Überholen blöd ist, weil man damit einen Hackordnungskampf aufmacht, die zwar interessant und nötig und biologisch völlig OK sind, aber etwas unangenehm werden können, wenn man auf einem Hottehü sitzt, dass sich gerade mit Hilfe von Bocksprüngen und Austreten einen Platz erkämpft, während man drauf sitzt.

    So instruiert ging es in der Hackordnung los. Kerstin war 2 Fahrzeuge vor mir und hatte ihr Pferdegesicht aufgesetzt.

    Wir ritten über die Koppeln, durch den umgebenden Regenwald und über Lichtungen. Wobei Reiten ggf. etwas zu viel gesagt ist. Ich hatte bei meinem Big Chief eher den Eindruck, dass ich auf einem Schlafwandler saß, der jeden Moment umkippt und anfängt zu schnarchen.

    Als wir ein längeres, gerades Stück vor uns hatten hielt der Trek an (Chief schlafwandelte kurz in den dicken Hintern des Vordermannes, aber größere Attacken könnten durch ein nicht ganz so souveränes Zurückstolpern, mit dem ich nichts zu tun hatte, abgewendet werden.) Einer der Guides ging nun von Pferd zu Pferd und fummelte an den Gurten rum, die um den Unterboden und die Ölwanne gespannt sind. “Gut”, dachte ich mir, “jetzt zieht er das Zombiepferd aus, damit es richtig schlafen kann und ich laufe halt zurück.”

    Weit gefehlt. Es wurde enger gespannt, denn jetzt war Geschwindigkeitsrausch dran. Nach dem Schlafwandeln, so würde ich gleich herausfinden, hatte der Chief nämlich eine Spezialgangart, die ich “den vorwärts fallenden Eiermatscher” nenne. Richtige Reiter würden es wahrscheinlich “ruppigen Trab” oder so nennen. Ich finde vorwärts fallenden Eiermatscher passend und bleibe dabei. Bevor es losging wurden alle Gurte fester geschnallt. Alle Pferde wurden überprüft, alle Reiter eingewiesen, wie Trab geht. Dann stiegen die Guides alle wieder auf. Aber es ging noch nicht los.

    Einer der Guides drehte sich zu mir um und ich sah ihm an, dass ihm etwas wichtiges eingefallen war. Er hüpfte von seinem – im Vergleich zum Chief geradezu winzigen Pferd, und kam zu mir rübergelaufen. “Bestimmt hat er eine Schnalle vergessen oder so” dachte ich mir.

    Weit gefehlt. Ich bekam eine Sondereinweisung. “Chief läuft nicht so gerne, also den musst du schon ein bißchen treten” sagte er hilfsbereit. “Kriegst du das hin?” fragte er freundlich.

    “Denke schon, hatte ja jeden einzelnen Schritt seitdem wir den Schlafsaal (Stall) verlassen haben, geübt” sagte ich und um etwas Vertrauen in ihm zu installieren gab ich dem Chief die hacken, der daraufhin genau das machte, was er vorher gemacht hatte, nämlich nichts und zwar mit Gusto, mit Genuss, mit einem leichten wiegen des Kopfes im Wind, das nur Mönche, Sandler und besonders stabile Bäume nachvollziehen können.

    “Prima” sagte der Guide. “Ich zähle gleich bis drei. Bei drei gebt ihr alle Euren Pferden die Hacken. Nur Du nicht, ” dabei zeigte er auf mich, “du fängst bei 1 an, dem Chief mit dem Plastikroh auf den Arsch zu hauen. Dann hast du ne Chance, dass er bei 3 wach ist.”

    “Eins” schallte es durch den Wald und ich hackte und hackte und hackte. Das mit dem Rohr fand ich blöd. Offen gesagt finde ich es schon grenzwertige Tierquälerei, mich überhaupt auf ein anderes Lebewesen mit vollem Gewicht draufzusetzen (ausserhalb von Kampfsportübungsstunden zumindest). Und dann noch mit dem Rohr?

    Also hackte ich wie ein wilder Kosacke beim salutieren auf den Chief ein und zog seinen großen langen Kopf hoch, in der Hoffnung, dass er die anderen Tiere rennen sieht und vielleicht mitmachen will. Das klappte. Ich löste die Handbremse und der Chief trabte los und zermatschte mir die Eier. Alle waren froh. Ausser dem Chief und meinen Eiern, die nach den 200 Metern Trab den Blues hatten, wenn man das so sagen kann.

    Nachdem das Adrenalin bitzelnd aus den Fingerspitzen schwand, ging es weiter im Schritt. Wir kamen an einen Hohlweg hinter dem wir den Strand fanden.

    Strandspaziergänge sind ja am besten, wenn man nicht selber laufen muss. Wir galoppierten (!) den Strand entlang, immer Cape Tribulation fest im Blick. Als wir ausgaloppiert hatten (was Chief mir signalisierte, indem er in eine besonders ruppige Art Eierquetscher überging) drehten wir herum und es ging zurück zu den Stallungen.

    Durch süßlich duftenden Regenwald, über feuchten, fruchtbaren Waldboden, an Dschungelhängen vorbei und durch Vorhänge von einzelnen Sonnenstrahlen, die durchs Blätterdach auf unsere Karavane schienen, schoben wir uns langsam wieder Richtung Stall.

    Ca. 500 Meter vom Stall entfernt passierte dann etwas völlig Unerwartetes. Der Guide rief über die Schulter “wollen wir nochmal galoppieren?” und ich wollte schon antworten, dass ich nicht glaube, dass ich den Chief nochmal aufgeweckt bekomme. Als ich die Worte in meinem langsamen Hirn geformt hatte und gerade dabei war, Luft über die Stimmbänder zu pumpen, um zu antworten, bemerkte ich, dass ich bereits auf gleicher Höhe mit dem Guide war.

    Der Chief muss den Stall gerochen haben, denn als er das Wort “Galopp” hörte, war er wie der geölte (!) Blitz losgeschossen und nun flogen wir in langen Sprüngen, dem 3. und letzten Gang des 1PS-Mopeds alle Ehre machend auf den Stall zu.

    Es war grandios. Chief flog durch die Luft und ich brüllte aus voller Kehle “Cowboy” von Kid Rock. Das war, bevor ich rausbekam, dass es nicht um Pferde sondern um Zuhälter ging. Aber das wäre mir egal gewesen.

    Nichts ist so toll, wie zu galoppieren. Auch wenn man dem Pferd vorher quasi alles ausser Mund-zu-Mund antun muss, um es aufzuwecken.

    Gefahren: Ca 100 km

    Gesehen: Pferdchen

    Gesungen: Kid Rock – Cowboy

    Gegessen: Steak vom Grill