-
-
-
Holger
- 22. October 2012 in Aktivitäten, Australien, Photoblog, Reiseblog
Uluru oder Ayer’s Rock – Klettern oder nicht?
Tic, engl.: Das Gesichtszucken, die Macke
Wardrobe, engl.: Der Kleiderschrank, der Spind
“Guten Morgen. Ich bin Wardrobe und der alte Mann hinterm Steuer, das ist Tic. Seid nett zu ihm, dann tut er nichts.” stellte sich Wardrobe vor, als der Bus in Richtung Uluru losrollte. Es war 6 Uhr morgens, wir waren seit 4:40 wach und um 5:00 hatte ich einem netten älteren Herren auf dem Boden der dritten Duschkabine des Campingplatzes Erste Hilfe geleistet, bis er mich mit der Begründung, er würde nur auf dem Boden rumliegen, weil er Heuschnupfen hätte, losgeworden war.
Noch während Wardrobe mit seinen Erklärungen zu Uluru, Geologie und Aborigine-Background warmläuft fallen mir die Augen zu, was weder an Wardrobe noch seinen Erklärungen liegt sondern eher daran, dass ich sie am Vortag auf dem Weg zu Kings Canyon schon gehört habe.

Als ich aufwache, stehe ich schon vor dem Bus mit meiner Kamera in der einen und dem Stativ in der anderen Hand. Hinter mir steht Kerstin, die leicht schiebt. Offenbar gibt’s hier was zu sehen.
In einer Ecke steht eine Traube Leute und fotografiert etwas auf dem Boden. Ich mache ein paar Schritte in ihre Richtung, dann höre ich “Aw, Baby Brown Snake!” und drehe mich um 180° um. Babyschlangen sind die schlimmsten, weil sie ihr Gift noch nicht kontrollieren können. Das brauch ich gerade nicht wirklich, so verpennt wie ich bin.
Ich stolpere eine Sanddüne hoch und oben entfährt mir doch tatsächlich ein “Huch!” – auf der anderen Seite hat jemand sehr fotogen eine Salzwüste positioniert.
Als ich – völlig überraschend – als Letzter in den Bus steige, lerne ich Mr. Tic persönlich kennen. Mit zusammengekniffenen Augen peilt er mich über seinen Onkel-Otto-Schnurbart an.
“Jaja, ich weiß, der Unterschied zwischen einem Hitchhiker und einem Reisenden sind nur zwei Minuten” sage ich und grinse.
“Keine Süßigkeiten für Dich.” sagt er und grinst und verteilt Süßigkeiten an alle.
Kata Tjuta, auch gekannt als “Die Olgas” ist der erste Stop der Tour. Viele finden Kata Tjuta sogar noch beeindruckender als Uluru (der am Horizont schon auf uns wartet) – kann ich verstehen!
Als wir wieder im Bus sind fragt Wardrobe über den Lautsprecher: “So, wer von Euch will denn heute auf Uluru draufsteigen.”
Von den Anwesenden 25 Leuten meldet sich: Keiner.
“Prima. Dann muss ich Euch ja heute nicht die Rede halten.”
Ich hätte nicht diverse Preise in investigativem Journalismus verdient, wenn ich nicht nachgefragt hätte, was “Die Rede” ist.
Die Rede ist eine sehr überzeugende Gegenüberstellung von Für und Wider, eine umfassende Liste aller Dinge, die dafür sprechen und dagegen, auf Uluru drauf zu steigen.
Hier ist sie für Euch sinngemäß und übersichtlich in meinen – wie immer völlig neutralen – Worten wiedergegeben:
Was dagegen spricht, auf Uluru drauf zu steigen
- Es ist sehr gefährlich. Es sterben regelmäßig Menschen, indem sie herunterfallen, heruntergeblasen werden, einen Herzinfarkt bekommen oder einfach so zusammenbrechen. Die Meisten sterben, wenn sie sich auf den heißen Stein legen und innerlich gekocht werden.
- Es ist respektlos, den Aborigines gegenüber. Es ist so respektlos, wie im Kölner Dom auf den Altar zu steigen oder mit Schuhen in der Hagia Sophia rumzufluchen. Dabei ist es irrelevant, ob man den Glauben der Aborigines teilt. Man muss ja auch kein Katholik sein, um nicht auf den Altar des Kölner Doms zu steigen!
- Es gehört sich nicht, der Bitte eines Gastgebers nicht nachzukommen. Wenn ihr bei jemandem zu Besuch seid, der Euch bittet, die Schuhe auszuziehen, macht ihr das ja auch. Wenn der Gastgeber sagt “ach, und bitte nicht unser größtes Heiligtum mit Füßen treten”, dann sollte man in dem Fall ebenfalls tun, worum man gebeten wurde.
Was dafür spricht, auf Uluru zu steigen
- Man kann runter gucken.
- Man entzieht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sein kulturell unsensibles Genmaterial dem Genpool bevor man eine Chance zur Fortpflanzung hat.
OK, der letzte Punkt ist von mir, nicht von Wardrobe.
Fakt ist: Es gibt für mich persönlich keinen Grund, dort hoch zu klettern. Auch das Argument, dass Menschen vom anderen Ende der Welt kommen, um drauf zu klettern, und dass man diese Leute dann nicht mehr zurückweisen darf, ist mittlerweile Blödsinn. Vor 20 Jahren wurde im Tourismus mit “Besteigt den Ayers Rock” geworben – aber das ist seit Jahren passé.
Um’s ganz deutlich zu sagen: Wer heute noch dort hin reist und nicht weiß, dass es ein Arschlochmove ist, draufzuklettern, hat einfach seine Hausaufgaben nicht gemacht.
(Und hängt den ganzen Tag mit Japanern rum, weil die die größte Fraktion der Nochbesteiger stellen.)
Wir hatten also zum Glück nur vernünftige Leute in unserer Gruppe und so ging die zivilisierte Tour um Uluru herum inklusive Wardrobes grandioser Erklärungen ungestört weiter.
Faszinierend war für mich, Kerstins Reaktion zu beobachten.
Kerstin war von dem Stein schon gelangweilt, bevor wir überhaupt ankamen. Was ich gut nachvollziehen kann.
Wenn man sich in Australien bewegt, sieht man Uluru jeden Tag. Auf Postkarten. Auf Postern. Auf T-Shirts. Man hat das Ding ja schon 1000 Mal gesehen, bevor man ihn sieht. Von allen Winkeln. Aus allen Perspektiven. In den sensationellsten Wetterlagen – die man ohnehin nicht sehen wird, wenn man davor steht.
Und dafür soll man dann einen ganzen Tag durch die Wüste fahren?
All die Zweifel waren weg, als sich Uluru das erste Mal im Busfenster in unseren Blick schob.
Bill Bryson beschreibt das in seinem grandiosen Buch so:
Auf eine gewisse, schwer zu beschreibende Art und Weise kennt man ihn. Er ist einem vertraut – bekannt auf unbekannte Art und Weise. Irgendwo in einer tief vergrabenen Schicht deines Seins, in einem lange nicht mehr gebrauchten Winkel deiner Erinnerung, in einem sehr entfernten Eckchen deiner DNA zuckt es, wenn du vor Uluru stehst. Es ist eine Bewegung, die viel zu klein und zu sacht ist, als dass man sie verstehen oder interpretieren könnte – aber irgendwie fühlt man dass diese große, vor sich hin brütende, hyptonisierende Präsenz auf einem unbewussten Level wichtig für einen ist und dass der Besuch hier mehr ist als ein Zufall.
Bei Kerstin konnte ich das in ihrem Gesicht lesen, als sie vor Ayers Rock stand. Auf einmal machte es Sinn, das wir hier waren. Auf einmal war es gut. Und wichtig.
An einem Wasserloch zeigte uns Tic gerade einen Leguan, der sich auf Ayers Rock sonnte (Für Leguane gelten natürlich andere Regeln!), als eine Horde Aborigine-Kinder durchs Unterholz gekrochen kamen. Sie hüpften behände über die Barriere und gingen schwimmen.
Natürlich verbotenerweise.
Kinder sind überall gleich.
Im Bus angekommen bekamen wir eine letzte OBststärkung, bevor das finale Highlight der Tour anstand.
Barbeque im Sonnenuntergang vor Uluru.
Rotwein im Mund. Bratwurst in der Nase (also, nur der Duft der Wurst). Uluru vor Augen und die Kamera in der Hand.
Wir waren glücklich. Und beeindruckt. Und ständig damit beschäftigt, die Kiefer hoch zu klappen, damit keine Fliegen reinflogen.
Das Essen war großartig und der Sonnenuntergang ebenfalls.
Wir können die Tour nur empfehlen – die informativste, streßfreiste und leckerste Art, Uluru zu erkunden, die wir kennen.
Mehr infos gibt es unter http://emurun.com.au/ – Touren gehen jeden Tag ab Alice Springs, inklusive Mehrtagestouren und Kombitouren (Kings Canyon und Uluru).
-
Kostenloses Photobuch!
Jetzt neu: Photobuch mit unseren schönsten Photos aus NSW und Queensland. Tragt Euch einfach in den kostenlosen Newsletter ein und schon könnt Ihr das Buch herunterladen.
Zum Downlad! Auf Facebook!
































