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Holger
- 20. October 2012 in Aktivitäten, Australien, Reiseblog
Chris Callaghan – Crazy Outback Heart in Alice Springs
Ich bin kein großer Fan von Thrillern oder Horrorfilmen – insbesondere nicht im Kino oder Fernsehen und noch viel weniger, seit durch Filme wie Hostel oder Saw der Schwerpunkt des Genres nicht mehr Spannung oder Erschrecken ist sondern es nur noch darum geht, noch ekligere, perversere und unvorstellbarere Gräultaten auf die Leinwand zu bringen.
Aber das muss jeder selber wissen – ich persönlich sehe es nicht ein, 13,50 € und 2 Stunden meiner Zeit zu investieren, um Leuten zuzuschauen, die andere Leute quälen. Da hab ich andere Ansprüche an meine Freizeit.
Als ich mit Kerstin vor ein paar Jahren im Kino im Film “Zodiak-Killer” saß, entschieden wir unabhängig voneinander, dass unser Leben zu schön und zu kurz ist, so einen Mist zu schauen.
Entsprechend bin ich nicht mehr wirklich informiert, was in diesem Genre so passiert, was ein bißchen traurig ist, denn deshalb verpasse ich die neuesten Entwicklungen in einem meiner Lieblingsmikrofilmgenres:Das “Vom-Bus-Überfahren-Werden”.
Ein guter Filmtod-durch-Reisebus ist völlig unerwartet. Der Regisseur wähnt einen in Sicherheit, legt eine Atmosphäre, die so gar nichts mit einem plötzlichen Tod zu tun hat, über einen, lullt einen mit langweiliger Musik ein und verwirrt einen mit einem Stück Storyline und einer Konversation, die noch lange nicht zu Ende ist, von der man denkt, dass sie noch ewig
BÄMMMM HUUUP MATSCH
Und alle hopsen in ihren Kinosesseln.
Dieses Thrillerelement ist nicht nur aufregend sondern auch Symbol für völlig unerwartete Wendungen einer Geschichte, für das Umschalten in eine andere Atmosphäre, das Ausstauschen des Vorzeichens der Gesamtsituation – völlig unvorbereitet und innerhalb von Sekundenbruchteilen.
Muss auch nicht immer Tod sein – der Bus kann auch eine positive Wendung bringen. Dann springt man auch – aber nicht vor Schreck, sondern vor Freude.
Als ich in Alice Springs in die Tavern des Heavitree Gap Tourist Parks lief, traf mich so ein Bus. Der Tag war unvorstellbar heiß gewesen. Ich war völlig genervt, weil ich doch so viel online machen wollte und alle meine Geräte aus Hitzegründen streikten (bei 95 Grad Prozessortemperatur beim Macbook macht man nicht mehr viel, ausser sich die Flossen am so hip gebürsteten Metall zu verbrennen.)
Der Tag war für mich gelaufen, der Kommende versprach ebenfalls die Hölle zu werden und ich wollte nur noch Bier trinken, irgendwas essen und mich in meinem Frust einwickeln, sodass dieses verdammt heiße und äußert unkooperative Alice Springs mich nicht mehr ärgern könnte.Und dann ging ich in die Tavern rein und lief vor den Bus.
Folgende Dinge passierten im Bruchteil einer Sekunde gleichzeitig, als ich die Tür zur Tavern öffnete:
– Die Tavern war mit einer professionellen Klimaanlage ausgestattet, welche die Luft um mich herum erfrischend, belebend und vor allem atembar machte.
– Der Barkeeper lächelte mir entgegen mit einem Gesichtsausdruck, der sagte: “Hallo mein Freund. Ich bin hier für Dich und werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit es Dir besser geht. Schau mal meine 8 verschiedene, wunderschöne, kältebeschlagene Zapfhähne an. Die möchte ich Dir zum Geschenk machen, denn nun bist Du zuhause.”
– Aus dem Nebenraum lockten die warmen Klänge einer akustischen Gitarre, zu der eine sonore, beruhigende, freundliche, kompetente Stimme Pink Floyds “Wish you were here” – eines meiner Lieblingslieder – sang.
– In der Mitte von Kerstins Gesicht machte sich ein Lächeln breit, als ihr die Musik an einem Schild für “All you can eat Pizza Buffet” vorbei entgegenflog – das erste Lächeln seit einer Weile, schließlich hatte ich sie mit meinem Online-Frust den ganzen Tag abwechselnd gelangweilt und genervt.Kerstins Lächeln. Klima. Musik. Essen. Bier. Alles stimmte. Der Tag war vergessen und der Entspannungsbus hatte mich voll getroffen und in den Himmel geschleudert.
Wir luden uns die Teller voller Pizza und die andere Hand voller Getränke und setzten uns vor die Bühne. Auf einem Barhocker, vor einem kleinen Gitarrenverstärker saß Jeff Bridges aus dem Film Crazy Heart. Oder zumindest sein Australischer Halbbruder.
Hier zum Vergleich der Trailer:
“Next I’ll play a song I wrote a lifetime ago. It peaked in the Australian Country Charts some time in the 70s at 21 and then quickly fell off a cliff.” Er lächelt, mehr für sich als für uns und singt eine Country Ballade, die alles hat, was eine Country Ballade braucht mit Ausnahme eines toten Pferdes vielleicht.
Mit einem breiten Grinsen isst sich die Pizza einfach, stellen wir fest, während Chris Callaghan die letzten Akkorde von “Whatever it takes” sanft ausklingen lässt.
“Jetzt möchte ich noch ein Lied über mein Liebesleben singen. Es ist 3 Minuten und 8 Sekunden lang.” Verhaltenes Lachen von ungefähr einem Drittel der 15 Anwesenden. “Aber das Lied ist etwas länger, weil ich da den Mittelteil zweimal mache.” fügt er hinzu und beginnt zu spielen, bevor die Pointe den letzten Trucker in orangefarbener Weste erreicht hat.
Stunden vergehen, oder auch nicht. Zeit steht still. Wir essen Pizza und trinken Bier und Wein und wippen mit den Füßen und den ganzen Beinen und halten Händchen und grinsen um die Wette, und wir haben schon völlig vergessen, wie der Tag war und wie wir in diesen perfekten Abed reingestolpert sind, weil es sich so anfühlt als wären wir schon immer hier gewesen. Der Pizzaduft mischt sich mit dem Aroma der Tavern, die so alt und traditionell inmitten von Alice Springs steht, dass man meinen möchte, Alice Springs wurde um die Kneipe herum erbaut. Zwischen den Liedern erzählt Chris Witze, jeder einzelne im Publikum wird mit eingebunden, ruft, macht Witze oder liefert einen Wunsch ab.
“I’ve seen you here before” sagt Chris zu einem Tisch am Eingang.
“Yeah mate, third night!”
“You drive a Nissan?” fragt der Musiker.
“Yeah?” fragt der Gast ungläubig.
“Waiting for spare parts?” fragt der Musiker lächelnd.
“Yeah, how do you know?” fragt der Gast, noch ungläubiger.
“Nissan Shop’s just down the road. That’s how I get most of my audience.”Die Tavern lacht, Chris nimmt einen Schluck Bier und einen Schluck Whisky und stimmt das nächste Lied an.
Gegen 9 Uhr geht das Konzert langsam seinem Ende entgegen. Chris droht: “Ich mach gleich eine Fünfminutenpause für 10 Minuten und bin dann in 20 Stunden wieder hier” – er spielt täglich in der Tavern – nimmt dann aber doch noch Wünsche für die letzten paar Lieder entgegen.
In einer Ecke der Tavern sind abgetrennt aber einsehbar ein Duzend einarmige Banditen aufgestellt. Seit Stunden stopft hier ein drahtiger Hutträger in abgeschnittenen Jeans, Stiefeln und Muskelshirt Münzen in die Spielautomaten. Jedes Mal, wenn er gewinnt, quittiert Chris das von der Bühne mitten im Lied mit einem Kommentar, z.B.
“As I was driving my truck down the road KLING KLING KLING – Oh, looks like cowboy’s cashin in again tonight – I was missing my girl … ”
Jetzt am Ende brüllte Cowboy etwas unverständliches Richtung Bühne. Chris muss drei Mal nachfragen, bis er den Wunsch versteht und spielt das Lied. Cowboy klatscht artig am Ende seines Wunsches.
Chris schaut rüber. “Hey Cowboy, hast Du noch Austern im Truck?”
Cowboy nickt heftig: “Klar Chris. Wieviel willst Du?”
Chris schaut sein Publikum an: “Cowboy hat die besten Austern.” Er dreht den Kopf zurück zu Cowboy: “Was kosten die denn?”Während Cowboy einen Preis nennt, brüllt ein Gast, dass er auch ein Duzend will. Ein anderer schreit “Hier auch”. Bei drei Geboten fängt Cowboy an zu schwitzen und mit den Händen zu fuchteln. Er hat nur noch 2 Duzend.
Dann bricht eine Austernauktion aus, die halb vom Musiker auf der Bühne und halb vom Cowboy aus der Casinoabteilung (ohne vom Spielautomaten abzulassen) geleitet wird.
Mittendrin sitzen zwei Deutsche und lachen sich kaputt und genießen jede Sekunde dieses Australischen Outback Western Kabarettkonzerts.
Um zehn stehen wir mit Chris an der Bar und ich überlege, ob ich in dieser Kneipe einziehen kann. Um halb elf halte ich mich an Chris und der Bar fest und bestelle “mein letztes Bier”. Danach trinke ich noch drei.
Um Mitternacht liegen wir endlich im Bett.
Am nächsten Tag liefen wir wieder in der Tavern ein. Der Laden ist gerammelt voll – wo am Vorabend 15 verstreute Gäste saßen, schaufelten sich gerade über 100 ausgehungerte Besucher und Locals den Schweinebraten rein.
Chris sieht uns von der Bühne aus und ruft ins Mikro: “Hallo Kerstin und … moment!” Er steht auf und holt einen Bierdeckel aus der Hosentasche auf den ich wohl am Vorabend meinen Namen geschrieben habe.
“Hallo Kerstin und Holger! Schön, dass ihr wieder hier seid!”
Für ein paar Stunden waren wir zuhause.
Seid Ihr im Urlaub schonmal vor einen Bus gelaufen? Wo war Euer schönstes Konzert? Gibt’s in Australien Musikkneipen, die wir unbedingt besuchen müssen?
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